Fjällräven Classic 2011 – Operation Goldhørnchen

Nachdem dem Fjällräven Classic 2010 hatte Hörnchen den Plan gefasst, in diesem Jahr die 110 Kilometer in drei Tagen zu absolvieren, um eine Goldmedaille abzustauben. So richtig begeistert war ich ehrlich gesagt nicht davon, aber einer muss ja das Zelt tragen… Das Schicksal meinte es nicht gut mit uns, Schönhörnchen brach sich eine Pfote. So war der Classic für sie vorbei, bevor er angefangen hat. Also ging es für mich alleine in den hohen Norden. Na ja, nicht ganz allein, Schönhörnchen gab mir ein Plüschhørnchen mit, dass mich bei der Operation Goldhørnchen begleiten sollte. 

Samstag

Beim letzten Mal haben wir die 2.500 Straßenkilometer über mehrere Tage mit dem Auto zurückgelegt. Diesmal ging es mit dem Flieger von Düsseldorf über Stockholm nachKiruna Airport Kiruna, bequem an einem Vormittag. Nicht billig, aber wesentlich entspannter. Im Flieger dominierten die Wanderrucksäcke und Menschen in Outdoorkleidung. Am  Flughafen empfingen uns dann schon Herr und Frau Fjällräven und transportierten uns in Bussen in das Sammellager in Camp Ripan.

Dort hieß es sich anzumelden und Futter nebst Brennstoff für den Treck einzusammeln. Als Luxusgeschöpf buchte ich mir eine Hütte für die letzte Nacht vor dem Start – der war am nächsten Sonntagmorgen um 9:00 Uhr, der Bustransfer ging um 06:30 Uhr. So eine Hütte hatten wir schon im letzen Jahr. Nicht billig (ca. 100 Euro die Nacht), dafür Hotelstandard mit eigener kleiner Küche. Das Wetter war für hiesige Verhältnisse sommerlich (14 Grad, Sonnenschein), und so verbrachte ich den restlichen Nachmittag mit einer kleinen Cachetour durch Kiruna. Das Abendprogramm bestand dann aus Süppchen kochen, Bierchen auf der eigenen Terrasse trinken und die Rucksäcke packen. Der Große wurde für die Wanderung gefüllt. Alles, was nicht mit sollte (insbesondere frische Klamotten), kam in den wasserdicht verpackten kleinen Rucksack, den ich am nächsten Morgen Herrn Fjällräven geben durfte, damit er ihn schon einmal zum Ziel nach Abisko bringt. Später am Abend prasselte der Regen recht heftig auf mein Hüttendach. Gut, dass ich nicht gezeltet hatte.

Sonntag

Das Frühstück begann schon um 5:30. Natürlich habe ich das Buffet mit eröffnet. Keine schlechte Strategie, denn gegen 6 wurde es hektisch und voll. Pünktlich um 6:30 ging es dann in Reisebussen zum Startort Nikkaluokta – Fahrzeit immerhin eine Stunde. Bis zum Start um 9 war damit reichlich Zeit, um sich den ersten Stempel für das Wanderbuch zu holen, das Fähnchen der Teilnehmer an den Rucksack zu binden (in diesem Jahr Orange) und einen Kaffee zu besorgen. Natürlich war das Wiegen des Rucksackes am Start Pflicht. Mit knapp 17 Kilo war ich gut dabei – letztes Jahr waren es 22 Kilo – man lernt halt. Zum Beispiel das Thema Wasser. Ständig quert man herrlich klare Bäche – mehr als eine volle Flasche (bei mir 0,7l) muss man nicht tragen. Man kann jederzeit wieder nachfüllen. Nach der obligatorischen Ansprache und etwas einheimischem Gesang ging es dann los.

Die erste Etappe zur Kebnekaise Fjällstation (19km) führt fast ausschließlich durch Birkenwald. Auf den ersten Kilometern war es recht voll, doch nach einiger Zeit hatten alle Teilnehmer ihr Tempo gefunden und die immerhin 250 Starter verliefen sich recht zügig. Bei der letzten Tour hatten wir fast stündlich eine Pause gemacht, was für meinen Geschmack zu häufig war. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, alle zwei Stunden eine richtige Pause zu machen. Ein Rhythmus, mit dem ich gut klarkam und den ich – wenn auch mit zunehmender Wegstrecke ungern – im Prinzip durchgehalten habe. Schon am Start hatten wir feinen Nieselregen. Zum Glück hatte ich mir vorher noch eine anständige Regenhaube gekauft, so blieb der Rucksack wenigstens trocken. Nach 4,5 Stunden (inklusive einer Pause) traf ich dann schon an der Kebnekaise Fjällstation ein. Ab hier beginnt das richtige Fjäll, denn der Birkenwald weicht der kargen Gebirgsvegetation. Nach dem Stempel für das Wanderbuch hieß es erst einmal Essen fassen Die erste Tüte gefriergetrocknete Expeditionsnahrung, die man praktischerweise direkt aus der Tüte futtert. Heiß Wasser drauf, umrühren, ziehen lassen, fertig. Klingt ekelig. Schmeckt auch so. Wie Kleister. Aber 700 Kilokalorien auf 110 Gramm ist ein gutes Argument, wenn man sein Essen selber trägt. Frisch gestärkt ging es auf die 15 Kilometer Steiniger Wegzur nächsten Station – Singistugan. Hier rächte sich mein recht strammes Anfangstempo. Die Schwierigkeit beim Classic ist übrigens weniger das Höhenprofil der Strecke als vielmehr die Wegbeschaffenheit. Oft geht es über reichlich Steine, das kostet Kraft und erfordert Konzentration. Ziemlich erschöpft gelangte ich nach zähen 4,5 Stunden die Hütte. Dort hatte Herr Fjällräven neben dem nächsten Stempel auch eine Art Rentierfalaffel parat – leck0r. Am liebsten hätte ich jetzt mein Zelt aufgebaut. Aber ich war ja erst bei Kilometer 34, und 110 durch drei sind knapp 37. Also habe ich meine müden Knochen aufgerafft und bin langsam aber stetig weiter. Als ich an dem Schild „Singi 3 km“ vorbeikam war das Tageswerk vollbracht. Zum Glück, denn ich war auch durch. Nach einem Zeltplatz Ausschau haltend wanderte ich weiter. Ideal wäre eine ebene, geschützte Stelle, wenig Steine und in der Nähe von fließendem Wasser. Mit jedem Schritt sanken meine Ansprüche an einen schönen Zeltplatz. Am Ende baute ich es nicht geschützt auf, richtig eben ist anders und das Wasser war 50m weg. Egal. Ich war jetzt knapp 12 Stunden unterwegs. Der Schlafsack rief. Bei Wind und Nieselregen kämpfte ich mit meinem Zelt, bis es schließlich stand. Krumm, aber es stand. Eine Tüte Kleister und ab in den Schlafsack. Es dauerte lange, bis mir richtig warm wurde.

Montag

Die ganze Nacht hatte es auf mein Zelt geprasselt. Gegen 6 hörte es gnädigerweise auf, und so verließ ich widerwillig den warmen Schlafsack. Nach einer Tüte Kleister (die Frühstücksvariante – Haferschleim) und einem Käffchen sah die Welt schon besser aus. Alles in den Sack gestopft und gegen 8 ging es auf die Rolle. Die ersten Kilometer fielen mir schwer – vor allem das rechte Fußgelenk protestierte vehement gegen die Belastung. Nach ca. 8 Kilometern dann Sälkastugan, der nächste Checkpoint. Hier hatte Herr Fjällräven neben dem Stempel noch ein Käffchen parat – die Welt sah sehr viel besser aus. In der Hütte tauschte ich ca. 40g Kleingeld gegen 400g Schokolade und half Mitwanderern mit einem Feuerzeug aus. Die hatten nur Streichhölzer mit (keine gute Idee), ich hatte neurotisch mindestens 4 am Mann – so konnte ich locker eines erübrigen. Der weitere Weg ging wesentlich entspannter weiter. Bis zum „Höhepunkt“ (im wahrsten Sinne des Wortes) des Classic: Der Tjäktjapass, höchster Punkt desTjäktjapass Kungsleden mit 1140 m ü. d. M. und nebenbei so ziemlich die Hälfte des Weges. Da habe ich mich letztes Jahr schon hoch gequält. Das war dieses Jahr nicht anders. Schnaufend und schwitzend war ich irgendwann oben. Den Cache hier hatten wir schon letztes Jahr gemacht. Cacher hatte ich diesmal nicht gesehen. Päusken, und dann ging es im Prinzip nur noch bergab. Den Mittags-Kleister habe ich mir bis zur nächsten Station, Tjäkta, aufgehoben. Um 15:30 war die ausführliche Pause und er nahrhafte Kleister mehr als willkommen. Frisch gestärkt ging es auf die letzte Etappe des Tages. 12,5 km zur Alesjaurestugan. Gegen 20 Uhr war ich da. Die Alesjaurestugan liegt ziemlich fies auf einem Hügel über dem See, dem Alesjaure. An seinem Fuß haben findige Einheimische ihre Zelte aufgebaut und boten Rentierkebab mit Cola feil – die gut 10 Euro war’s wert, so konnte ich mir eine Tüte Kleister sparen. Oben an der Hütte dann der Checkpoint. Nach dem Stempeln war der örtliche Donnerbalken hochwillkommen – besser als in den Büschen allemal. Die Alesjaurestugan ist ein beliebter

Am AlesjaureZeltplatz. Rund herum war im Prinzip jede ebene Fläche schon belegt, so konnte ich mein Zelt erst ein ganzes Stück weiter an den Weg stellen. Ohne Wind und auf anständigem Gelände gelang der Aufbau auch recht gut. An der Hütte habe ich dann noch Wasser gefasst, die Abendstimmung genossen, und bin dann zurück in meinen kuscheligen Schlafsack. Die 35 Kilometer des nächsten Tages sollten doch machbar sein.

 Dienstag

ZelteDer Plan, um 6 Uhr aufzustehen, schlug fehl. Wer die Uhr lesen kann ist klar im Vorteil. Ich konnte irgendwie nicht, So bin ich um 5:20 aufgestanden und habe den Morgenkleister und den Kaffee gebastelt. Als ich meine Verwirrung bemerkt, nutzte ich die Zeit für einen zweiten Kaffee. Dafür konnte ich Rentiere beobachten, die genüsslich zwischen den vielen Zelten herumstreiften. Ein seltenes Bild, denn meistens kommen die halbwilden Tiere gerade so nah, dass eine übliche Touristen-Knips-Kamera sie gerade nicht erfassen kann. Um 7:15 ging es dann auf den Weg. So früh unterwegs hatte ich die nächsten 2 Stunden den Weg für mich alleine. Herrlich. Gelegenheit in den eigenen Körper hineinzufühlen. Zeit bis ich warmgelaufen war: 15 Minuten. Zeit bis die Füße beginnen zu schmerzen: 1 Stunde. Zeit bis die Schultern in den Chor des Protestes mit einstimmen: 1,5 Stunden.

War der erste Abschnitt der 18 km zum nächsten Checkpoint noch gut zu laufen, zog sich der Weg etwas später, vor allem der Bogen um den Kartinvare ist steinig und schlaucht ziemlich. Dafür wird man nach der Umrundung auf einem Hochplateau mit einem tollen Ausblick auf den Abiskojaure belohnt, dem letzten See der Wanderung. Und unten im Tal wartete schon der nächste Checkpoint: Kieron. Hier gab es wie letztes Jahr Pfannekuchen mit Marmelade und Sahne – und davon reichlich. Die blonden Göttinnen in ihren Schürzen an der Ausgabe haben bestimmt einige Heiratsanträge bekommen. Dazu hatte sich die Sonne endgültig durchgesetzt. Ein perfekter Tag.

Um 13:30 brach ich wieder auf, die Pfannekuchen schweren Herzens hinter mich lassend. Nach 2 Kilometern war dann Zeit für den einzigen Umweg der ganzen Tour. Ca. 500m abseits des Weges liegt die Abiskojaurestugorna. Und daneben liegt ein Cache (GCGKYo), den wir letztes Jahr ausgelassen hatten. Der war mein Ziel. Als ich mich an der Hütte orientierte, kam schon die „Hüttenbetreuerin“ an, grüßt mich freundlich und fragte, ob sie mir helfen könne. Als ich berichtete, dass ich den berühmten Strand anStrand am Abiskojaure der Hütte sehen und nebenbei den Cache heben wollte zeigt sie sich erstaunt. Sie war Cacherin, kannte aber den Cache hier nicht. So zog sie neugierig mit mir zusammen los um ihn zu suchen. Der Weg ging quer durch den Sumpf, so dass sie schließlich mit ihren Halbschuhen zurückblieb. Mit den knöchelhohen Wanderpötten war das machbar, und als ich den Schlingel gefunden hatte winkte ich ihr zu. Sie sollte zwei Tage später den Cache mit ihren Kindern selber suchen und finden. Nach dem Cache kam der Strand. Wie an der Südsee. Nur, dass das Wasser wohl nur einstellige Temperaturen aufbietet. So schön das hier war – ich hatte ja noch Termine. Also wieder zurück auf den Trail und tapfer dem Ziel in Abisko entgegen. Ca. 9 Kilometer vor dem Ziel taten mir die Füße dermaßen weh, dass ich mir eine Pause gönnte. Kaffee kochen, Schuhe ausziehen und Füße massieren – eine Wohltat. Danach lief es sich wieder einigermaßen (den Umständen entsprechend) gut. Ca. 6 Kilometer vor dem Ziel lief ich dann auf eine Teilnehmerin mit einem kleinen Hund auf. Die beiden gingen im Prinzip mein Tempo. Netterweise war sie zwar aus Stockholm, aber gebürtig in Wesel. So stand einer lebhaften Konversation nichts im Wege, und wir verquatschten wandernd die Zeit bis zum Ziel. Auch wenn ich die Einsamkeit in den letzten Tagen genossen habe war ich froh, die letzten dreckigen Kilometer zum Ziel angenehm plaudernd zurückzulegen.

GoldhörnchenUnd dann endlich die Touristenstation Abisko. Unter dem Applaus der dort schon feiernden Wanderer ging es die letzten 50m bis durch das Ziel. Geschafft. 110 Kilometer, nach amtlich festgestellten 58 Stunden, 26 Minuten und 22 Sekunden war Operation Goldhørnchen ein voller Erfolg. Ziel erreicht, Detri kaputt. Das ganze hatte mich an meine Grenze gebracht. Aber glücklich.

 

Nachtrag

Natürlich war ich nicht tough genug, in der Jugendherberge in Abisko schon vorher eine Übernachtung zu buchen. Und natürlich waren die schönen Zimmer schon weg. So habe ich grummelnd eine weitere Nacht in meinem Zelt verbracht, dafür die nächste Nacht in einem eigenen Zimmer mit eigener Dusche verbracht. Da mein Flug erst Donnerstag ging, habe ich den Mittwoch genossen und in den Tag gelebt. Den ganzen Tag mit vielen Wanderern unterhalten, zwischendurch die 800m zum neuen EarthcacheSchlucht (GC2JYRR) auf mich genommen und abends dann in den “Treckers In”, den Party-Zelten vor der Jugendherberge eingelaufen. Am Donnerstag ging es nach einem Frühstück mit fantastischem Ausblick auf die Berge mit dem 11 Uhr Bus zum Flughafen. Schon vorbei. Schade.

Soweit aus Nordschweden

Detri

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7 Antworten auf Fjällräven Classic 2011 – Operation Goldhørnchen

  1. Gandalf2904 sagt:

    Danke für diesen lesenswerten Reisebericht!

    Hat mir grad die Zugfahrt vertrieben!

  2. Karsten & Co sagt:

    Ein sehr schöner Bericht. Schicke Fotos von der tollen Landschaft und man konnte richtig mitfühlen.

  3. Schöner Bericht, Respekt an die vollbrachte Leistung! Bin die Classic auch gelaufen. Allerdings inner Gruppe und um einiges langsamer. Wer einen Bericht aus Sicht von Leuten, die halb so schnell laufen, lesen will: http://ausberlin.kicks-ass.net/blog/category/fjallraven-classic-2011/

  4. Rossignol sagt:

    Hallo Detri, habe mir wie Gandalf auch gerade die Zugfahrt vertrieben… bin aber nur so kurz in Berlin das ich noch nichtmal Zeit auf ein Bier finden werde;-) Bis im November aber ganz sicher… Zug ist schon gebucht! Gruß Rossignol

  5. Tom sagt:

    Hallo Detri!

    Vielen Dank für Deinen Bericht. Meine Söhne und ich wollen den FRC diesen Sommer laufen. Eine Frage zum 11:00 Bus: Fährt der direkt zum Flugplatz Kiruna? nd was kostet die Fahrt?

    Gruß und Danke

    Tom

  6. Detri sagt:

    Hallo,
    der Bus fährt im Prinzip durch, vorher hält er noch am Kiruna Busbahnhof. Wegen des Ansturms wurden mehrere Busse eingesetzt. Den Preis erinnere ich gar nicht mehr so richtig. Die Karten konnten direkt am Fjällräven-Zelt gekauft werden, ich meine irgendwas mit 200 Kronen (also rund 20 Euronen), kann mich aber irren.

    Grüße
    Detri

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